Am Sonntag, dem 14. Juni 2026, führte unser Vereinsausflug die gbs-Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar bei sonnigem und ausgesprochen warmem Wetter nach Weil der Stadt. Zehn Teilnehmende fanden sich zunächst im Restaurant St. Augustinus ein, wo in entspannter Runde rustikal gespeist wurde – mit genügend Auswahl auch für alle, die Rostbraten eher aus sicherer Entfernung betrachten.
Fachwerkhaus
Stein des Anstoßes
Anschließend übernahm unser Mitglied Ulrich die Rolle des kundigen Ortsführers. Beim Rundgang durch das malerische, sorgfältig herausgeputzte Städtle erläuterte er wichtige historische Hintergründe der ehemaligen Reichsstadt und stellte dabei auch Bezüge zur kirchlichen Prägung der Stadtgeschichte her. Dabei wurde schnell deutlich, dass Weil der Stadt nicht zufällig dort liegt, wo es liegt: Die Stadt wurde im 13. Jahrhundert, zwischen 1223 und 1241, durch den Stauferkaiser Friedrich II. an der Kreuzung zweier überregionaler Handelsstraßen gegründet. Mittelalterliches Standortmarketing: Städte entstehen dort, wo Wege, Waren und Menschen zusammenkommen.
Auch der Name sorgte für eine kleine sprachgeschichtliche Pointe. Ursprünglich hieß der Ort schlicht Weil beziehungsweise Wila. Zur Unterscheidung von anderen Weil-Orten kam später der Zusatz „die Stadt“ hinzu. Weil Ortsnamen im Alltag aber häufig im Dativ verwendet werden – etwa „in Weil, der Stadt“ –, setzte sich schließlich diese Form durch. Aus „Weil, die Stadt“ wurde also „Weil der Stadt“.
Ulrichs Führung führte uns auch zu den unscheinbaren, aber sehr hübschen Details der Peter-und-Paul-Kirche: Am Westturm finden sich historische Normalmaße, darunter ein eisernes Ellenmaß (ca. 60cm) und ein Ziegelzeichen beziehungsweise Ziegelmaß (ca. 21 × 48 cm) als Schablone für die sogenannten „Mönch-und-Nonne“-Dachziegel. Diese traditionelle Dachdeckung besteht aus unten liegenden rinnenförmigen „Nonnen“ und darüber gesetzten „Mönchen“, die die Fugen abdecken – eine praktische Normierung direkt am Bauwerk und Alltagstechnik am Sakralbau: Wer Längen oder Baumaterialien prüfen wollte, musste nicht googeln, sondern konnte an öffentlichen Gebäuden nachmessen.
Ellenmaß
Ziegelmaß
Bleiglasfenster der Peter-und-Paul-Kirche mit Hitler als Teufel (oben rechts)
In der Kirche selbst begegneten wir außerdem einem der ungewöhnlichsten Kunstwerke des Hauses: dem Glasfenster von JoKarl Huber aus den Jahren 1939/40. In der Szene der Versuchung Jesu trägt der Teufel nach verbreiteter Deutung die Gesichtszüge Adolf Hitlers (oben rechts). Nachweisbar ist, dass Huber im Rahmen der kirchlichen Neugestaltung durch Stadtpfarrer August Uhl beauftragt wurde. Nicht belegt fand sich dagegen ein ausdrücklicher Auftrag, Hitler als Teufel darzustellen. Vorsichtig formuliert: Die Hitler-Deutung ist kunsthistorisch und lokal fest etabliert; ob sie als alleinige künstlerische Setzung Hubers oder als von Uhl bewusst mitgetragene Chiffre zu verstehen ist, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Quellen nicht eindeutig entscheiden. Gerade dadurch bleibt das Fenster ein bemerkenswertes, leicht unheimliches Stück Zeitgeschichte im Bleiglas.
Ein mysterisches Universum eröffnete sich am Narrenbrunnen, der vom Renningener Kunstschmied Gerhard Längerer gestaltet und am 11. November 1986 eingeweiht wurde. Dort versammelt sich das bunte Personal der Weiler Fasnet: Hexen, Schlehengeister, Schellenteufel, Bären, Clowns, Schelme und weitere Figuren (insgesamt 14). Der Brunnen wirkt wie ein kleines offenes Narrenhaus und erinnert daran, dass Weil der Stadt nicht nur Keplerstadt, sondern auch eine alte Fasnet-Hochburg ist. Hier treffen schwäbisch-alemannische Fastnacht, rheinisch-fränkischer Karneval, lokale Erzählfiguren und karnevalistische Spielfreude aufeinander.
Narrenbrunnen
Keplergasse
Eingang Kepler-Museum
Höhepunkt des Nachmittags war die angemeldete Führung im Kepler-Museum. Das Museum befindet sich im Geburtshaus Johannes Keplers und ist zwar räumlich eher klein, dafür aber erstaunlich dicht, anschaulich und informativ. Ein engagierter, sehr versierter Mitarbeiter und Unterstützer des Museums führte uns durch Keplers Leben, Denken und Ringen: seine wissenschaftlichen Erfolge, seine religiösen und menschlichen Herausforderungen, aber auch seine Irrwege – etwa das Sphärenmodell nach Platon. Das bestätigt die kritisch-rationale Sicht: auch Geistesgrößen können sich irren oder sogar Unsinn fabulieren, insbesondere, wenn sie von falschen Annahmen ausgehen.
Besonders gelungen war die plastische Darstellung von Keplers Weg zwischen Astronomie, Mathematik, Theologie und den Konflikten seiner Zeit. Den Bogen von der Astronomie gestern zur Astronomie heute schlug zum Abschluss die Vorstellung des Kepler-Teleskops und der Bilder, die damit gewonnen wurden. So wurde aus einem Museumsbesuch nicht nur ein Blick zurück, sondern auch ein kleiner Ausflug in die Weite des heutigen Kosmos.
Zum Abschluss gönnte sich die Runde noch ein Eis in einem nahegelegenden Café – eine wissenschaftlich kaum widerlegbare Maßnahme gegen die Hitze des Tages.
Als Fazit bleibt: Weil der Stadt ist unbedingt eine Reise wert. Es fiel zugleich aber auch auf, dass selbst dieses sehr schöne, gepflegte Städtle nicht frei von Leerstand ist, wie er mitterlweile in vielen Kleinstädten zu beobachten ist. Geschichte, Gegenwart und Zukunft liegen hier also dicht beieinander – manchmal nur eine Gasse voneinander entfernt.
Sebastian Schöning (Juni 2026)
Rathaus Weil der Stadt