Runder Tisch der Religionen? - oder runder Tisch der Weltanschauungen!

15.06.2017

Sehr geehrter Herr Minister Lucha,

die Stuttgarter Zeitung hat über Ihre Initiative „Runder Tisch der Religionen“ berichtet.

Ich bin ein konfessionsfreier Bürger und aktives Mitglied der Regionalgruppe Stuttgart der Giordano-Bruno-Stiftung, für die ich in diesem Brief spreche. Zudem bin ich Mitglied bei „Die Humanisten Baden-Württemberg“.

Deutschland und Baden-Württemberg beruhen laut Grundgesetz auf einer säkularen Rechtsgrundlage. Wenn Fragen der zunehmend säkularen Gesellschaft von Seiten der Landesregierung fast ausschließlich mit den Religionen und unter dem Motto „Runder Tisch der Religionen“ diskutiert werden sollen, läuft das diesem säkularen Prinzip zuwider.

Ein Runder Tisch der Religionen grenzt die größte Bevölkerungsgruppe, die Konfessionsfreien, aus, die im Land zwischen 30 und 40 %, in Stuttgart sogar mehr als 50 % der Bevölkerung ausmachen. Dabei werden religiöse Körperschaften ohnehin unfair bevorzugt, z. B. durch Staatsgelder. Auch Konfessionsfreie, die sich verständlicherweise nur zu einem geringen Grad organisieren, sind an einer funktionierenden Zivilgesellschaft interessiert und möchten, dass solche Themen vom Land nicht ausschließlich mit Vertretern von Religionsgruppen diskutiert werden. Deutschland braucht nicht mehr Religiosität, sondern mehr Säkularität. Dies wird gerade angesichts der Vielfalt der Religionen von vielen Seiten gefordert. Siehe Referenzen 3 bis 6.

Eine aktuelle Studie (Referenz 7) aus Österreich kommt zudem zu einem Ergebnis über Muslime, das ähnlich auch für Deutschland zu erwarten ist: „Rund 40 Prozent der nicht religiös organisierten Muslime zeigen sich laut dem Religionspädagogen Ednan Aslan (…) säkular.“  Dies gilt in ähnlicher Form auch für Flüchtlinge: es kommen nicht nur religiöse Migranten als Flüchtlinge zu uns, denn säkulare Muslime und Atheisten werden in vielen religiös geprägten Staaten verfolgt und bedroht.

Wir regen daher an, statt eines Runden Tisches der Religionen einen Runden Tisch der Weltanschauungen zu veranstalten. Diese Weltanschauungen würden dann auch konfessionsfreie säkulare Humanisten und die Giordano-Bruno-Stiftung einschließen. Die Humanisten Baden-Württemberg sind landesweit organisiert; die Giordano-Bruno-Stiftung ist deutschlandweit organisiert und hat in mehreren Städten in Baden-Württemberg Regionalgruppen (Stuttgart, Mannheim/Heidelberg, Karlsruhe, Ulm, Konstanz, ...).  Zu diesem Kreis könnten auch die „AnStifter“ eingeladen werden, ein Verein, der sich durch breites bürgerschaftliches Engagement und Einsatz für die Zivilgesellschaft auszeichnet.

Für einen Runden Tisch der Weltanschauungen empfehle ich folgende Organisationen:

Referenzen

Veröffentlichungen der Stuttgarter Zeitung und weiterführende Links

  1. StZ 26.5.2017 „Das Land bringt Religionen an einen Tisch“ - Miteinander reden statt übereinander: Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) hat in Stuttgart eine Initiative gestartet.
  2. StZ 20.5.2017 „Keine Religion steht über der Verfassung“ - Integrationsminister Manfred Lucha lädt Kirchen und Glaubensgemeinschaften zu einem Runden Tisch ein. Integrationsminister Lucha spricht im Interview über den Runden Tisch.
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-keine-religion-steht-ueber-der-verfassung.2c305ff3-3ff1-4a15-85d2-07a178a253a6.html
  3. (MSS) "Wir müssen mehr Säkularität wagen"
    https://hpd.de/artikel/wir-muessen-mehr-saekularitaet-wagen-14463 
    Am Rande des evangelischen Kirchentags in Berlin gab es auch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Offene Gesellschaft: Wo sind die Grenzen der Toleranz?". Einer der Gäste auf dem Podium war der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung (GBS), Dr. Michael Schmidt-Salomon. Der hpd dokumentiert sein Impulsreferat.
  4. Islamkritiker beziehen gemeinsam Stellung
    http://hpd.de/artikel/islamkritiker-beziehen-gemeinsam-stellung-13414
    In einer gemeinsamen Erklärung fordern bekannte Islamkritiker einen politischen Kurswechsel der deutschen Regierung. Nicht nur der islamistische Terrorismus, sondern auch die dahinterstehende Ideologie des politischen Islam müsse entschieden bekämpft werden. 
  5. „Säkularismus ist die Lösung – auch in der Flüchtlingsfrage!“
    http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/saekularismus-fluechtlingsdebatte 
    Auf der Internationalen Konferenz „Give Peace A Chance: Säkularismus und globale Konflikte“ im Mai dieses Jahres hielt Michael Schmidt-Salomon einen Vortrag mit dem Titel „Säkularismus ist die Lösung! – Über Religion und Gewalt“. Die heutige Veröffentlichung des Vortragstextes auf der Website der Giordano-Bruno-Stiftung nahm der gbs-Sprecher zum Anlass, zur aktuellen Flüchtlingsdebatte Stellung zu beziehen.
  6. „Wir müssen den Säkularismus verteidigen!“
    Interview mit Mina Ahadi (Vorsitzende im ZENTRALRAT DER EXMUSLIME)
    Mina Ahadi zählt zu den schärfsten Kritikerinnen und Kritikern des politischen Islams. In einem hpd-Interview äußert sie sich zu dem Attentat in Paris, islamistischen Bestrebungen und zur aktuellen Flüchtlingsdebatte. 
    http://hpd.de/artikel/12453
  7. http://diepresse.com/home/panorama/religion/5231187/Studie_Jeder-dritte-Muslim-hochfundamentalistisch 
    Rund 40 % der nicht religiös organisierten Muslime zeigen sich laut dem Religionspädagogen Ednan Aslan säkular.

Mit freundlichen humanistische Grüßen,

Werner Koch