Stellungnahme zur aktuellen Debatte um den Bildungsplan 2015 des Landes Baden-Württemberg

Die Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar der gbs unterstützt das Vorhaben der baden-württembergischen Landesregierung, das gesellschaftliche Miteinander durch mehr Akzeptanz sexueller Vielfalt zu fördern. Wer Realitäten wie lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere (LSBTTIQ) Menschen und Lebensformen aus dogmatischen Gründen nicht als gleichwertig anerkennt ist intolerant. Die Verankerung der Gleichwertigkeit aller Menschen im Bildungsplan, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, geschlechtlichen Identität oder ihren Lebensentwürfen ist ein Schritt hin zu einer offenen und vielfältigen Gesellschaft. Es ist an der Zeit, die menschlichen Realitäten zu akzeptieren. Die sexuelle Vielfalt ist Teil der Natur – beim Mensch ebenso wie in der Tierwelt. Wir setzen auf Aufklärung und Humanismus, ebenso auf wissenschaftliche Erkenntnisse, statt althergebrachte Vorurteile und Dogmen zu akzeptieren. Der Homophobie und Menschenfeindlichkeit sollten wir gemeinsam entgegentreten, unabhängig von der persönlichen Weltanschauung und politischen Ausrichtung.

Wir haben uns bei der („Gegen-Gegen-“)-Kundgebung am 1. Februar 2014 auf dem Schillerplatz in Stuttgart beteiligt und werden uns auch an der Kundgebung am 1. März 2014 auf dem Marktplatz in Stuttgart beteiligen, zusammen mit zahlreichen weiteren Organisationen. Siehe: http://www.csd-stuttgart.de/2014/index.php/neues/82-pro-bildungsplan.

Das Selbstverständnis der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) ist es, für eine aufgeklärte Gesellschaft im 21. Jahrhundert einzutreten3. Dazu halten wir die Werte des Humanismus hoch und wenden uns gegen Privilegien religiöser Gruppen.1 Wir sind für eine klare – statt „hinkende“ – Trennung von Kirche und Staat und wenden uns gegen eine vermeintliche Leitkultur mit fragwürdiger Sexualmoral.

Der konservativ-klerikale Aufschrei, der durch unser Land ging, dass wieder einmal das Abendland und die „christlichen Werte“4 in Gefahr wären, veranlasst die Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar der Giordano-Bruno-Stiftung die geplante Weiterentwicklung des Bildungsplans 2015 zu unterstützen.

Es sollte heute jedem klar sein, dass eine homosexuelle Identität – um nur eine Ausprägung der geschlechtlichen Vielfalt LSBTTIQ beispielhaft zu nennen – genauso wenig anzuerziehen ist wie eine heterosexuelle Identität, und dass kein Bildungsplan der Welt das ändern kann. Dasselbe gilt für Linkshändigkeit, die Augenfarbe oder ähnliche Eigenheiten, die angeboren sind und zur Identität eines jeden gehören. Zudem ist Homosexualität im Tierreich11 genauso vertreten wie beim Menschen – sie ist mittlerweile bei 1500 Tieren nachgewiesen. Sexuelle Vielfalt ist natürlich, nicht unnatürlich. Vor allem gläubige Anhänger einer vermeintlich perfekten Schöpfungsgeschichte können oder wollen das nicht glauben. Das Ausblenden ‚unliebsamer‘ Orientierungen aus dem Unterricht, macht es den Jugendlichen nur schwerer ihre sexuelle Identität zu finden. Wir brauchen einen Bildungsplan, der die Realitäten akzeptiert und den bewussten Umgang mit dem Thema fördert.

Vor allem klerikale, konservative und rechtspopulistische Kreise wollen das schlichtweg nicht wahrhaben. So konnte man auf Plakaten lesen: „Schützt die Kinder!“ „Wir wollen keine Gehirnwäsche!“ „Wir wollen keine Indoktrination!“ Doch selbst tun sie genau das, denn ihr Ziel ist es, dass Kinder wieder gesagt bekommen, wie Gott sie bestrafen wird, sollten sie anders werden als Gott, der angebliche Schöpfer des perfekten Menschen, es will. Wovor sollte man Kinder also eher schützen?

Die großen christlichen Kirchen sprangen sofort auf den Zug auf, warnten vor einer vermeintlichen Indoktrination der Kinder und schlugen stattdessen eine religiös-ethische Bildung und Erziehung vor. Dass diese „religiös-moralische“ Bildung von den Kirchen im biblischen Sinne vermittelt werden soll, ist leicht zu erraten. Jahrhundertelang taten sie nichts Anderes. Es gibt kein gottgegebenes Recht, Homosexuelle und deren Liebe als unnormal und defizitär abzuwerten. Vor allem christlich-konservative und evangelikale Kreise würden am liebsten sehen, dass ihre Kinder gar keinen Sexualkunde-Unterricht in der Schule bekämen. Es hat sich aber in der Vergangenheit gezeigt, dass viele Eltern die Aufklärungsarbeit nicht zu leisten imstande oder willens sind. Deshalb muss dies die Aufgabe von dazu ausgebildeten Lehrern an allen Schularten sein.

Das führt uns zu folgenden Fragen:

  • Warum gibt es immer noch so viele Menschen, die anderen Menschen ihre Lebensweise vorschreiben wollen?
  • Sollte sich die moderne Erziehung von Schülern noch heute an biblisch geprägten Wertevorstellungen aus der Antike orientieren und ein zutiefst patriarchalisches und voraufklärerisches Menschenbild konservieren?
  • Warum ist bei kirchlichen Trägern noch immer die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, von konfessionsfreien und Muslimen, von „unehelichen“ Kindern bzw. unverheirateten Müttern, von Wiederverheirateten, möglich, obwohl das massiv gegen die Grundrechte und Menschenrechte verstößt?
  • Warum unterstützen die Politiker die Kirchen mit erheblichen öffentlichen Steuermitteln, obwohl diese homophobe Ansichten vertreten, die in der Gesellschaft nicht mehr mehrheitsfähig sind und obwohl circa 40% der Bevölkerung gar keiner Kirche mehr angehören?

In der Praxis haben sich die traditionellen Religionen sowohl als schlechte Vorbilder als auch als schlechte Ratgeber erwiesen, wie zahlreiche Skandale und nicht zuletzt fundamentalistische Entwicklungen belegen.

Wenn der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag sagt, dass die Deutungshoheit des Verfassungsauftrages bei den Kirchen liegt und Herr Stoch, der im Übrigen großes Lob für seinen Einsatz für Toleranz im Bildungsplan verdient, dennoch in diesem Punkt Papst Franziskus zitiert, der mehrmals die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften als „anthropologischen Rückschritt“ bezeichnet hat, gibt dies Grund genug zum Nachdenken über die Verflechtung der Kirchen in Medien und Politik.

Die vielfältigen personellen Verflechtungen der Politiker und Kirche, unter anderem über Kirchenämter führt wohl dazu, dass die Kirchen trotz Mitgliederschwund und einer steigenden Zahl konfessionsfreier Bürger ihren Einfluss behaupten wenn nicht ausbauen. Auch die unendliche Geschichte der Staatsdotationen lässt sich nur so erklären.

Es ist ein humanistisches Gebot, dass Parteien, Gewerkschaften, Organisationen und Interessenverbände aus allen Teilen der Bevölkerung zusammenstehen und sich für Toleranz und gegen Diskriminierung und Vorurteile einsetzen. Wenn die Kirchen die Interessen ihrer Mitglieder vertreten wollen, sollten sie sich anschließen.

Die Forderung nach Toleranz oder Respekt muss in diesem Zusammenhang kritisch hinterfragt werden. Wäre es nicht schön, wenn wir alle toleranter oder respektvoller miteinander umgehen? Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese so freundlich wirkende Haltung gegen die Streitkultur der Aufklärung verstößt.

„Respekt“ (von lateinisch "respectus": zurückschauen, Rücksicht) bezeichnet eine Form der Achtung und Ehrerbietung gegenüber einer anderen Person, ihren Handlungen oder Überzeugungen. Für aufgeklärte Zeitgenossen ist es eine pure Selbstverständlichkeit, Menschen als Menschen wertzuschätzen. Doch gilt dies auch für alle Überzeugungen, die Menschen an den Tag legen? Ganz gewiss nicht. Wie etwa könnten wir aus einer aufklärerischen Perspektive heraus Überzeugungen respektieren, die noch immer – im 21. Jahrhundert! – gegen Schwule und Ehebrecherinnen agitieren? Nein, hinter solchem Respekt verbirgt sich meist bloß Ignoranz beziehungsweise Feigheit, die sprichwörtlich geworden ist: Der Klügere gibt nach – was der Dummheit schon häufig zum Sieg verholfen hat. 5

Demokratie ist keine Harmonieveranstaltung, sondern sie bietet ein Regelwerk zur friedlichen Austragung von Konflikten. Dabei ist in der Meinungsfreiheit implizit ein Recht auf Respektlosigkeit angelegt. Wo Respektlosigkeit gegenüber den Herrschenden bestraft wird hat man es mit Diktaturen zu tun. Die Forderung nach Respekt ist ein Totschlagargument, das jeden demokratischen Diskurs zum Erliegen bringt. Respekt ist ein Geschenk, das man sich verdienen kann, das man aber nicht einfordern darf.

Deshalb braucht man in einer Demokratie „Toleranz“ (von lateinisch „tolerare“: erdulden). Man muss die nicht immer respektvollen Meinungen anderer ertragen. Das heißt aber nicht, dass man Unrecht erdulden sollte. In diesem Sinne sagte Wilhelm Busch „Toleranz ist gut. Aber nicht gegenüber Intoleranten“. Die Forderung man möge Toleranz zeigen ist leider oft die Aufforderung zu schweigen, wo nicht hinnehmbare Zustände Widerspruch erfordern. Dass unsere Gegner Respekt fordern, müssen wir, als Teil ihrer Meinungsfreiheit, tolerieren. Aber wir sind, Demokratie sei Dank, nicht verpflichtet dieser Forderungen nachzukommen. Wir haben keinen Respekt vor intoleranten Ideologien. Das müssen unsere Gegner ertragen. Tun sie es nicht, dann sind sie, nicht wir, intolerant.

Gerade diejenigen, die heute am lautesten Toleranz fordern, zeigen sich oft erstaunlich intolerant gegen andere Menschenbilder als ihre eigenen 6,7. Aber selbst Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt ist uns nicht genug. Bereits Goethe sagte in seinen „Maximen und Reflexionen“ „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Deshalb ist die Forderung nach Akzeptanz einer sexuellen Vielfalt richtig.

Die Allgemeinen Menschenrechte8,9 werden kontinuierlich weiter entwickelt, entsprechend dem Stand der Erkenntnis und des Bewusstseins der Menschheit.2 Die Gleichberechtigung der Frau, Diskriminierungsverbote aufgrund der Hautfarbe, der sexuellen Identität, etc. u.v.m. sind Beispiele jüngerer Weiterentwicklungen. Zu diesen Weiterentwicklungen gehört nach unserer Auffassung auch ein Diskriminierungsverbot auf Grund der sexuellen Orientierung. Doch noch heute führt das Bekanntwerden von homosexuellen Neigungen oder Wiederverheiratung bei kirchlichen Arbeitgebern zu Entlassungen. Das ist unseres Erachtens ein Verstoß gegen den Geist der Menschenrechte. Dieser unzumutbare Zustand wird durch Ausnahmeregelungen (dritter Weg) im Arbeitsrecht legalisiert, die kirchliche und karitative Einrichtungen vom umgangssprachlichen Antidiskriminierungsgesetz6 ausnimmt.

Durch das sogenannte „kirchliche“ Arbeitsrecht werden auch konfessionsfreie, die sozial eingestellt sind und einen Sozialberuf erlernt haben, von der Mitarbeit in Sozialeinrichtungen mit kirchlicher Trägerschaft ausgeschlossen. Da war man in der Weimarer Republik schon einmal weiter: Damals gab es die Sonderrechte der Kirchen in diesem Umfang nicht, obwohl die Rechtsgrundlage die gleiche war. Denn in Artikel 137 der Weimarer Verfassung , der in Gestalt von Artikel 140 auch heute noch Teil des Grundgesetzes ist, hieß es, dass jede Religionsgesellschaft ihre Angelegenheiten zwar eigenständig ordnen und verwalten soll, allerdings „innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze“. Seitdem wurde das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen aber viel weitgehender interpretiert.10 Die Ausnahmeregelungen von der Allgemeinen Gleichbehandlung („Antidiskriminierungsgesetz“) und vom Betriebsverfassungsgesetz müssen überprüft werden.12 Alle freien Träger von Sozialeinrichtungen sollten denselben Gesetzen unterliegen und dieselbe Förderung erhalten wie kommunale Träger.

Wer Realitäten wie lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere (LSBTTIQ) Menschen und Lebensformen aus dogmatischen Gründen nicht als gleichwertig anerkennt ist intolerant.

Die Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar der gbs unterstützt das Vorhaben der baden-württembergischen Landesregierung, das gesellschaftliche Miteinander durch mehr Akzeptanz sexueller Vielfalt zu fördern.

Die Verankerung der Gleichwertigkeit aller Menschen im Bildungsplan, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, geschlechtlichen Identität oder ihren Lebensentwürfen ist ein Schritt hin zu einer offenen und vielfältigen Gesellschaft.

Der Homophobie und Menschenfeindlichkeit sollten wir gemeinsam entgegentreten, unabhängig von der persönlichen Weltanschauung und politischen Ausrichtung.

Fußnoten:

1 Die Kritik bezieht sich auf die Institution Kirche und ihren Einfluss auf den Staat und damit auf alle Staatsbürger.
Religion und Religiosität ist Privatsache und jeder Mensch darf glauben was er will, er darf auch an archaische Mythen glauben. Nur sollte dies im 21. Jahrhundert keine Auswirkungen mehr auf die Politik haben

2 Diese Beispiele und weitere Menschenrechte wie Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Abschaffung der Sklaverei und nicht zu vergessen: die Tierrechte sind gegen den Widerstand der Kirchen eingeführt worden. Dass alle diese Werte nicht in der Bibel und den 10 Geboten stehen, kann man sich mit dem Alter der Bibel erklären, die aus einer Zeit der Hirtenkultur stammt. Entgegen wiederkehrender Behauptungen von Politikern und Kirchenvertretern sind unsere Werte universelle Werte und keinesfalls „christlichen Werte“ oder „christlich-jüdische Werte“; die ständige Wiederholung und Beschwörung kann nicht darüber hinweg täuschen.

3 „Manifest des evolutionären Humanismus – Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur“, Michael Schmidt Salomon, Seiten 93ff, 137ff.

4 „Christlich-abendländische Kultur – eine Legende“, Rolf Bergmeier
http://hpd.de/node/17516

8 Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) der Bundesrepublik Deutschland: http://www.gesetze-im-internet.de/agg/BJNR189710006.html

9 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, Deutsche Übersetzung: http://www.un.org/Depts/german/grunddok/ar217a3.html

10 „Gott hat hohe Nebenkosten“, Eva Müller (Seite 68).

11 „Neue Sonderausstellung "Sex und Evolution" im LWL-Museum für Naturkunde“, (Münster)
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/lwl-naturkunde/naturkundemuseum/ausstellungen/6_und_evolution
„Sex als Motor der Evolution“ http://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=31165#.UwW8zZiYacy
Homosexualität im Tierreich – 1500 Tiere bei denen Homosexualität nachgewiesen ist – dargestellt als Regenbogenfahne http://www.lwl.org/pressemitteilungen/daten/bilder/45209.jpg

12 "Es wird sich etwas ändern", Kampagne Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz (GerDiA), Vera Muth und Corinna Gekeler, http://hpd.de/node/17747